Konstruktive Selbstkritik in der Landschaftsfotografie
- kolb-telieps
- 25. Juli 2025
- 7 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 13 Stunden
Wenn Selbstkritik zur Sackgasse wird
Je sicherer wir fotografieren, desto kritischer werden wir mit unseren Bildern. Technik, Regeln und Bildaufbau sind kein Rätsel mehr – und trotzdem bleibt oft ein nagendes Gefühl: Irgendetwas trägt nicht. Selbstkritik gehört zur fotografischen Entwicklung dazu. Doch was, wenn sie nicht mehr hilft, sondern blockiert?
Viele ambitionierte Landschaftsfotografen und -fotografinnen kennen diesen Punkt: Man erkennt Schwächen sofort, sieht, was noch nicht rund ist – und verliert dabei leicht den Blick für das, was bereits funktioniert. Der eigene Anspruch wächst, und das Fotografieren fühlt sich plötzlich schwerer an als früher.
In diesem Beitrag geht es um genau diesen Moment. Ausgehend von einer eigenen Bildanalyse – die ich auch in einem begleitenden YouTube-Video zeige – schaue ich darauf, wie wir unsere Bilder bewerten und warum Selbstkritik dabei kippen kann. Ziel ist es nicht, Kritik abzuschaffen, sondern einen Umgang damit zu finden, der Entwicklung ermöglicht, statt sie zu blockieren.

Einordnung: Warum Selbstkritik mit wachsender Erfahrung schwieriger wird
Um zu verstehen, warum Selbstkritik gerade bei fortgeschrittenen Landschaftsfotograf:innen so belastend werden kann, lohnt sich ein Blick auf die dahinterliegenden Zusammenhänge. Diese Form der Unzufriedenheit entsteht nicht aus mangelndem Können, sondern aus wachsender Wahrnehmung.
Mit zunehmender Erfahrung wird der Blick differenzierter. Man sieht mehr, erkennt Feinheiten, entdeckt Unstimmigkeiten schneller. Was früher als gelungen galt, wirkt plötzlich unzureichend. Diese Verschiebung ist kein Rückschritt, sondern ein normaler Teil künstlerischer Entwicklung: Der eigene Maßstab verändert sich.
Gleichzeitig haben viele Fotografen und -fotografinnen gelernt, Bilder analytisch zu betrachten. Technische Aspekte, Gestaltungsregeln und Bildaufbau sind präsent – oft so präsent, dass sie den ersten Eindruck überlagern. Das Bild wird nicht mehr als Ausdruck eines Moments wahrgenommen, sondern als etwas, das „bestehen“ muss.
Problematisch wird es, wenn diese Analyse zum alleinigen Maßstab wird. Dann richtet sich die Kritik nicht mehr auf das Bild, sondern indirekt auf die eigene Kompetenz. Das Foto wird zum Beweisstück: dafür, wie gut man ist – oder wie weit man noch davon entfernt scheint.
Hinzu kommt ein weiterer Faktor: innere Vergleichsbilder. Viele bewerten ihre aktuellen Arbeiten unbewusst im Vergleich zu einem idealisierten Ziel oder zu Arbeiten anderer Fotograf:innen, ohne den eigenen Entwicklungsstand mitzudenken. Selbstkritik verliert in diesem Moment ihre klärende Funktion und wird zu einem inneren Dauerkommentar, der lähmt statt orientiert.
Diese Dynamik ist kein persönliches Versagen. Sie ist ein Übergangszustand – ein Zeichen dafür, dass sich der eigene Blick weiterentwickelt, aber noch keinen stabilen Rahmen gefunden hat, in dem Anspruch, Bewertung und Vertrauen miteinander im Gleichgewicht stehen.
Das innere Team: Wie wir unsere Bilder innerlich bewerten
Wenn wir unsere eigenen Fotos betrachten, geschieht das selten aus einer einzigen Perspektive. Stattdessen melden sich oft mehrere innere Stimmen zu Wort – mit unterschiedlichen Maßstäben, Erwartungen und Bewertungslogiken. Diese Stimmen arbeiten nicht bewusst oder geplant, sondern parallel. Genau darin liegt ihr Einfluss.
Um diese innere Dynamik greifbarer zu machen, hilft das Bild eines „inneren Teams“, entwickelt von F. Schulz von Thun). Es beschreibt typische Bewertungspositionen, die sich bei der Bildkritik abwechseln oder überlagern können.
Der Techniker
Diese Stimme richtet den Blick auf das Handwerk. Sie achtet auf Schärfe, Belichtung, Kontrast, Linienführung und technische Sauberkeit. Ihre Perspektive ist klar, überprüfbar und oft eindeutig. Der Techniker bewertet Bilder danach, ob sie technisch funktionieren – unabhängig davon, was sie ausdrücken wollen. In der inneren Bildkritik ist er häufig die lauteste Stimme, weil seine Kriterien scheinbar objektiv sind.
Der Wächter der Regeln
Diese Stimme prüft das Bild anhand erlernter Gestaltungsprinzipien. Drittelregel, Bildaufbau, Gewichtung, Führungslinien – all das gehört zu seinem Repertoire. Der Wächter der Regeln vergleicht das Bild mit bekannten Mustern und Konventionen. Er bewertet nicht, was ein Bild erzählt, sondern ob es sich an bekannte Regeln hält. Seine Urteile wirken oft logisch und begründet, können aber sehr eng werden.
Die Geschichtenerzählerin
Diese Stimme fragt weniger nach Korrektheit als nach Wirkung. Sie interessiert sich dafür, was ein Bild vermittelt, welche Stimmung entsteht und ob etwas hängen bleibt. Ihre Sprache ist weniger präzise, oft schwerer zu greifen. Sie arbeitet mit Eindrücken, Assoziationen und inneren Bildern. Gerade deshalb wird sie in der Selbstkritik häufig übergangen oder als „zu unklar“ abgetan.
Diese drei Stimmen sind keine Gegensätze, sondern unterschiedliche Zugänge zur Bildbewertung. Sie können sich ergänzen – oder widersprechen. Entscheidend ist: In der inneren Selbstkritik sprechen sie selten geordnet nacheinander. Oft übernimmt eine von ihnen die Führung, während andere kaum gehört werden. Das Bild wird dann nicht aus mehreren Perspektiven betrachtet, sondern durch einen sehr engen Bewertungsfilter.
Das erklärt, warum Selbstkritik sich so unterschiedlich anfühlen kann: streng, kleinteilig, frustrierend oder diffus. Nicht, weil das Bild „schlecht“ ist, sondern weil eine einzelne innere Stimme die Bewertung dominiert.
Ein konkretes Bild – und eine typische innere Reaktion
Das folgende Bild entstand an einem Sommerabend unter ruhigen, klaren Bedingungen. Licht, Farben und Motiv waren stimmig, technisch gab es nichts Offensichtliches zu beanstanden. Und trotzdem blieb nach der Aufnahme ein ambivalentes Gefühl zurück.
Beim ersten Betrachten meldeten sich verschiedene innere Stimmen nahezu gleichzeitig: Der Blick auf technische Details, der Vergleich mit anderen Bildern, die Frage nach Aussage und Tiefe. Keine davon war per se falsch – aber gemeinsam erzeugten sie eher Zweifel als Klarheit.
Dieses Bild ist kein Sonderfall. Es steht exemplarisch für viele Situationen, in denen Selbstkritik nicht aus einem offensichtlichen Mangel entsteht, sondern aus einem Zuviel an Bewertungsperspektiven.

Drei typische Denkfehler in der Selbstkritik
Wenn eine der inneren Stimmen im Bewertungsteam zu dominant wird, verschiebt sich die Art, wie wir unsere Bilder wahrnehmen. Selbstkritik verliert dann ihre klärende Funktion und verengt den Blick. Die folgenden Denkfehler treten besonders häufig bei fortgeschrittenen Landschaftsfotografen und -fotografinnen auf – nicht aus Unwissenheit, sondern aus Überfokussierung.
1. Technik wird mit Bildqualität gleichgesetzt
Dieser Denkfehler entsteht, wenn der Techniker im inneren Team die Bewertung dominiert. Das Bild wird fast ausschließlich anhand messbarer Kriterien beurteilt: Schärfe, Belichtung, Dynamikumfang, Histogramm, technische Perfektion. Alles, was davon abweicht, wird als Mangel wahrgenommen.
Das Problem dabei ist nicht die technische Analyse an sich, sondern ihre Alleinstellung. Bilder mit Atmosphäre, Aussage oder persönlicher Handschrift verlieren an Wert, sobald sie technische Schwächen zeigen. Umgekehrt erscheinen technisch saubere Bilder automatisch „gut“, auch wenn sie wenig tragen. Die Bildwirkung wird dabei kaum noch wahrgenommen – sie zählt nicht als eigenes Kriterium.
Bei dem obigen Beispielbild liegt der Fokus schnell auf überprüfbaren Details: Schärfe über die Fläche, Kontrast im Gegenlicht, Dynamikumfang rund um die Sonne. Die technische Bewertung ist naheliegend, weil sie eindeutig scheint. Genau hier beginnt der Denkfehler: Das Bild wird vor allem danach beurteilt, ob es technisch „sauber genug“ ist – nicht danach, wie es wirkt. Aspekte wie Lichtstimmung, Ruhe oder Farbzusammenspiel treten in den Hintergrund, weil sie sich nicht messen lassen.
2. Gestaltungsregeln werden zu unumstößlichen Maßstäben
Hier übernimmt der Wächter der Regeln die Führung. Das Bild wird daran gemessen, ob es bekannten Gestaltungsprinzipien entspricht: Drittelregel, Balance, Führungslinien, Bildaufbau. Abweichungen von diesen Regeln werden als Fehler gelesen – unabhängig davon, wie das Bild wirkt.
Dieser Denkfehler führt dazu, dass Bilder vorschnell verworfen werden, weil sie „nicht korrekt“ erscheinen. Besonders problematisch ist, dass Regeln dann nicht mehr als Werkzeuge, sondern als Prüfmaßstab genutzt werden. Die Bewertung richtet sich auf Konformität, nicht auf Ausdruck. Eigene Bildideen werden dadurch vorsichtiger, angepasster und weniger mutig.
Auch gestalterisch lässt sich am Bild vom Mohnfeld vieles prüfen: Vordergrund, Blickführung, Horizont, Platzierung der Sonne, Verhältnis von Natur und Bebauung. Der Blick sucht nach formalen Schwächen, nach Abweichungen von bekannten Regeln. Der Denkfehler entsteht, wenn diese Prüfung zum Hauptkriterium wird. Das Bild wird nicht mehr als Gesamtwirkung wahrgenommen, sondern als Summe möglicher Regelverletzungen – selbst dann, wenn die Szene als Ganzes stimmig wirkt.
3. Entwicklung wird mit persönlichem Versagen verwechselt
Dieser Denkfehler ist weniger technisch, aber emotional besonders wirksam. Er entsteht, wenn der innere Anspruch ständig mit einem idealisierten Zielbild oder mit den Arbeiten anderer Fotografen und -fotografinnen verglichen wird. Das eigene Bild wird dann nicht im Kontext des eigenen Weges gesehen, sondern als Beweis dafür, „noch nicht gut genug“ zu sein.
Typisch ist dabei ein innerer Dauerkommentar: Ich müsste weiter sein. Andere sind besser. Das reicht noch nicht. Die Selbstkritik richtet sich nicht mehr auf das Bild, sondern auf die eigene Entwicklung. Fortschritte werden übersehen, Zwischenschritte entwertet. Fotografieren fühlt sich dann nicht mehr wie Lernen an, sondern wie permanentes Scheitern.
Gerade weil das Beispielbild ruhig, harmonisch und technisch solide ist, kann ein besonders harscher Vergleich einsetzen. Im Kopf tauchen andere Bilder auf – eigene frühere Favoriten oder Arbeiten anderer Fotografen oder -fotografinnen. Plötzlich reicht das Gezeigte nicht mehr aus, obwohl es objektiv funktioniert. Der Denkfehler liegt darin, das Bild nicht im Kontext des eigenen Weges zu betrachten, sondern als Maßstab dafür, wo man eigentlich schon sein sollte. Die Kritik richtet sich dann weniger auf das Bild als auf die eigene Entwicklung.
Warum diese Denkfehler so hartnäckig sind
Allen drei Denkfehlern ist gemeinsam, dass sie verständlich sind. Sie entstehen aus Wissen, Erfahrung und dem Wunsch, besser zu werden. Gerade deshalb bleiben sie oft unbemerkt. Die innere Kritik wirkt logisch, begründet und scheinbar objektiv – und wird selten hinterfragt.
Erst wenn klar wird, dass hier nicht das Bild selbst bewertet wird, sondern durch einen sehr engen Filter, entsteht Raum für eine andere Form der Selbstkritik.
Strategien für eine konstruktive Selbstkritik
Erst wenn diese Denkfehler erkannt sind, wird Selbstkritik wieder gestaltbar. Konstruktive Selbstkritik bedeutet nicht, weniger genau hinzusehen – sondern bewusster zu entscheiden, wie bewertet wird.
1. Die Bewertung strukturieren
Beim gezeigten Bild half es, die Bewertung bewusst zu ordnen: zuerst die Wirkung wahrzunehmen, dann die Gestaltung zu betrachten und erst danach technische Details zu prüfen. Diese Reihenfolge verhindert, dass Technik oder Regeln automatisch alles überlagern.
2. Abstand zulassen
Ein paar Tage Abstand verändern den Blick spürbar. Was zunächst als „nicht stark genug“ erschien, wirkt später ruhiger und klarer. Das Bild löst sich vom Moment der Erwartung und wird wieder als Bild sichtbar.
3. Vergleich neu ausrichten
Statt das Bild mit idealisierten Arbeiten anderer zu vergleichen, wurde es im Kontext eigener früherer Bilder betrachtet. Nicht mit der Frage „Ist es gut genug?“, sondern „Was ist hier anders, was ist gewachsen?“.
4. Feedback gezielt einholen
Neben der Arbeit mit dem eigenen inneren Team kann es hilfreich sein, gezielt externes Feedback einzubeziehen. Entscheidend ist dabei nicht, möglichst viele Meinungen zu sammeln, sondern bewusst zu wählen, wer auf ein Bild schaut und womit diese Rückmeldung das eigene Sehen ergänzt.
Statt allgemeiner Meinungen half eine konkrete Frage: Wie wirkt das Bild auf dich?So wurde Feedback zu einer Erweiterung der Wahrnehmung – nicht zu einer zusätzlichen Bewertungsinstanz.
Fazit: Selbstkritik als Werkzeug, nicht als Urteil
Konstruktive Selbstkritik bedeutet nicht, sich selbst kleinzumachen. Sie bedeutet, genau hinzusehen, die richtigen Fragen zu stellen und dem eigenen Blick Raum zu geben. Bilder müssen nicht perfekt sein, um wertvoll zu sein – sie dürfen Zwischenstände zeigen, Suchbewegungen, Entwicklung.
Gerade fortgeschrittene Fotografen und -fotografinnen geraten leicht in die Falle, nur noch das zu sehen, was fehlt. Doch Entwicklung entsteht nicht durch innere Abwertung, sondern durch Klarheit. Wenn Selbstkritik wieder Orientierung gibt, wird sie zu dem, was sie sein sollte: ein Werkzeug, kein Urteil.
Wenn du magst, kannst du diesen Blogbeitrag gemeinsam mit dem zugehörigen YouTube-Video nutzen:



Kommentare